4 Tage Schiffsfahrt auf dem Amazonas oder als wir eine Woche in einer Kommune im Dschungel lebten

Iquitos, 35 Grad im Schatten, Mittagszeit. Wir sitzen in einem Kaffee und zermürben uns den Kopf darüber, wie man die letzten 12 Tage zusammenfassen kann. Sie greifbar machen kann für euch Lieben, die ihr unsere Reise verfolgt. So viel ist geschehen, so viele Eindrücke wurden wahrgenommen und müssen erst verarbeitet werden, so viele Gespräche und große Themen aufgeworfen und doch blieb vieles ungesagt.

Am 8. Oktober machten wir uns von Yurimaguas auf dem Weg zu einem Schiff, wo wir am Vortag Plätze in Hängematten quasi reserviert hatten, die aber inzwischen einen anderen Platz finden mussten. Mit Wasserkanistern, Essen und Desinfektionsmittel ausgerüstet, richten wir unseren Schlafplatz ein, wofür wir jede Menge Zeit haben, da das Schiff statt ursprünglich um 10 Uhr Vormittags, erst um 9 Uhr abends ablegt. Typisch Peru. Mit der Zeit füllt sich das Schiff mit schätzungsweise 140 Personen und Hängematte an Hängematte reiht sich, während im unteren Teil in Unmengen Cola-Flaschen, Obst, Eier, Türen und sonstige Kisten aufgeladen werden. Ärgerlicherweise werden am Hafen ebenso viel zu viel Müll im Amazonas entsorgt, ohne dass es jemanden zu stören scheint. Die nächsten Tage werden wir akzeptieren müssen, dass so ziemlich jeder Müll im Amazonas landet.

Zu unserer Überraschung sind auch einige weiße Menschen an Bord. Bald lernen wir 2 amerikanische Pärchen kennen und ein neuseeländisches Pärchen, sowie einen Kanandier, Schweden und sogar Deutsche. Als das Schiff endlich ablegt, verbringen wir den Abend damit, genüßlich Bier am oberen Deck zu trinken, und den Sonnenuntergang und Fahrtwind zu genießen, während wir mit ein paar neuen Bekanntschaften plaudern. Trotz der vielen Menschen ist die Nacht relativ ruhig, nur dass einige wirklich nicht flüstern können und sich unter uns beiden eine peruanische Familie zum schlafen auf den Boden gelegt hat, deren Kinder manchmal laut sind. Das Baby neben mir hingegen gibt keinen Laut von sich. Den nächsten Tag verbringen wir mit Lesen, ich lese „Er ist wieder da“ aus, während Maxi sich durch „Walden“ wühlt. Dazwischen gibt es immer wieder Essen, 3 Mal täglich. Das Essen besteht immer aus Reis. Zum Frühstück gibt es Reismilch, zu Mittag Hühnchen, die frisch geschlachtet werden und Reis und abends eine Reissuppe. Verständlicherweise alles nicht wirklich gut, aber essbar und es macht satt. Die Nacht ist besser als die erste, da wir zwischendurch immer an kleineren Orten halten und einige Menschen, samt der Familie, die unter uns schlief, aussteigen und Ware ausgeladen wird. Am Montag, der Tag an dem wir eigentlich schon in Iquitos ankommen sollten, wird wieder eine Menge gelesen. Gegen frühen Nachmittag halten wir in Nauta, wo ein Großteil der Ware ausgeladen wird und starke Männer mindestens 2 Kisten auf ihren Rücken in Windeseile von Bord bringen. Auch der Großteil der weißen Menschen steigt hier aus und beschließt mit einem Taxi nach Iquitos zu fahren, was mit 2 Stunden wesentlich schneller ist, als das Schiff. Wir entscheiden uns dagegen, haben ja keinen Stress. Der Nachmittag wird damit verbracht, dass wir mit den Amerikanern Peter und Christina Karten und Yatzee spielen und am Abend eine gemütliche Runde mit den Neuseeländern und dem Kanadier zu starten, bis wir irgendwann in die Hängematte fallen. Als wir morgens gegen 5 Uhr erwachen, sind wir mit einem Tag Verspätung endlich in Iquitos angekommen, dürfen das Schiff allerdings zu unserem Ärgernis noch nicht verlassen, da wir erst zu einem anderen Hafen müssen. In Iquitos nehmen wir uns ein Hostel, dass uns die Neuseeländer empfehlen und duschen uns erstmal ordentlich, die sanitären Anlagen an Bord waren dann doch nicht die saubersten. Anschließend kaufen wir Essen, Gummistiefel und Wasser für die nächste Woche ein, die wir im Dschungel in einer Kommune verbringen wollen. Diese haben wir zufällig über Couchsurfing entdeckt. Nachdem wir doch etwas müde sind, lehnen wir eine Einladung zum Essen und zum Fußballspiel schauen dankend ab und fallen ins Bett. Am Dienstag Vormittag treffen wir uns mit Dénes und Erik, zwei Ungaren von der Kommune, die gerade in der Stadt sind. Nach einer Stunde Verspätung, erscheinen sie und erklären uns den Weg zur Kommune tief im Dschungel, abseits von jeglicher Zivilisation. Da sollten wir uns bestenfalls nicht verlaufen. Maxi kauft sich noch schnell eine Machete und auf gehts zu einem neuen Abenteuer. Mit einem Taxi-Boot, einem sogenannten Colectivo, fahren wir mit einigen Peruanern 1 Stunde lang den Amazonas hinauf nach Santa Maria. Von da aus gehen wir 1 Stunde ins letzte Dorf, dass aus ca 15 Häusern besteht. Die Kinder stürmen auf uns zu, als wir eine Pause machen. Es gibt hier nicht wirklich viele Gringos (= Weiße). Mit 20 Kg Rucksäcken müssen wir uns noch eine weitere Stunde in den wirklichen Dschungel durchschlagen, als uns der Regen erwischt, uns aber gleichermaßen von der brütenden Hitze etwas befreit. Über etliche gefährliche „Brücken“ versuchen wir zu balancieren und folgen den roten Bändern immer tiefer in den Dschungel. Dann entdecken wir endlich das Haus von der Vanalava (= im Einklang mit der Natur leben) – Kommune. Ein großes, sicher gebautes Haus, umspannt von Moskitonetzen. Auf der Terrasse befindet sich sozusagen die Küche, weiter runter eine selbstgebaute Schlauchdusche, dir wir sogleich nutzen. Derzeit sind Daniel, einer der Mitgründer der Kommune und Lucia, eine Spanierin, die erst seit kurzem da ist, im Haus und leben hier mit 2 Hunden und 2 Katzen, sowie einer Babykatze. Wir werden herzlich aufgenommen, hängen schnell unsere Hängematten auf und anschließend wird ein leckerer Eintopf aus Reis, Linsen und Quinoa serviert. Endlich mal vegetarische Ernährung! Gleich nach dem Abendessen werden wir in die Gepflogenheiten der Kommune eingeführt. Wir sitzen im Kerzenllicht zusammen, machen Musik und es werden große Fragen aufgeworfen, vom Leben und Glauben. Bald schon merken wir, dass diese Leute zwar unheimlich fürsorglich sind und wirklich liebenswert, es aber auch sehr schwierig ist, mit ihnen auch nur annähernd Diskussionen zu führen, da sie glauben, die eine Wahrheit zu kennen und keine andere Meinung akzeptieren. Könnte daran liegen, dass sie Ayahuasca (populäre Droge hier zur Halluzination und einer Art Wiedergeburt mit Ritual) als die einzig wahre Medizin sehen, die einem sozusagen die Augen öffnet und erkennen lässt, dass das wichtigste ist, alles zu akzeptieren und glücklich zu sein. Für uns eine etwas engstirnige und egoistische Sichtweise. Wir verstehen uns trotz unserer unterschiedlichen Weltsichten gut und finden es spannend, diese Rituale (abgesehen von Ayahuasca) hier mitzumachen. Es werden sogar Tarotkarten gelegt, die uns unsere jetzige Zukunft vorhersagen sollen. Schaut für uns beide nicht so schlecht aus. Am nächsten Tag schlafen wir erstmal herrlich gut aus. Mit den schönen beruhigenden Dschungelgeräuschen ist das ziemlich einfach. Nach Kaffee und Frühstück machen wir uns an die Arbeit, von Bach weiter unten Lehm nach oben zum Haus zu transportieren, was sich einige Stunden zieht und ziemlich anstrengend ist in der schwülen Hitze. Wir sind dreckig Ende nie und fühlen uns großartig! Noch ein bisschen Holz fürs Feuer sammeln und auf zur Dusche, bevor Dénes wieder da ist und es einen rituellen Abend mit Coca-Blättern für uns und Coca-Pulver für die Drogenexperten gibt. Mit einer Jam-Session aus Ukulele, Didgeridoo, Trommel und Maultrommeln sowie einer Klangschale und einem Laserpointer, der einem im Rauch sehr unterschiedliche Dinge sehen lässt, wird der Abend gestaltet. Die einzige schlechte Wirkung, die ich verspüren kann ist, dass ich in dieser Nacht eine irrsinnige Angst vor den Schlangen entwickle, die in der Dunkelheit aus ihren Verstecken kriechen. Wir schlafen alle wunderbar, außer die zwei Ungaren, die die ganze Nacht Coca konsumieren und erst gegen Mittag am nächsten Tag schlafen gehen. Maxi schnitzt den ganzen Tag, während ich male. Die nächsten Tage verlaufen ganz ähnlich. Wir sind kreativ, lernen ein bisschen spanisch, fertigen einen Stiefelknecht an. Die meiste Zeit sitzen wir im Kreis am Boden zusammen und philosophieren oder reden über belangloses. Wir räumen den Dschungel auf und verbrennen nicht brauchbares Holz und Laub und sehen ab und zu Filme am Abend. Sonntags gehen wir ins nächste Dorf, essen Kokosnüsse und kaufen Eier und Milch. Am Montag beschließen wir, aufzubrechen, da unsere Malaria-Tabletten zu Ende sind. Das löst eine wirklich unschöne Diskussion über Pharmaziekonzerne, Angst und Tod aus, die uns wirklich zu schaffen macht. Aber der Abschied ist nach wie vor sehr schön und wir bedanken uns mit einem Brief, den wir den dreien hinterlassen. Wir sind im Nachhinein echt froh darüber, diese Entscheidung getroffen zu haben und werden noch lange von den Eindrücken zehren können.

Der Rückweg ist um einiges leichter. In der Großstadt Iquitos wieder angekommen, die sehr touristisch ist, fühlen wir uns mit dem ganzen Lärm ziemlich überfordert. Jetzt planen wir erstmal unsere weitere Reise. Am Samstag früh gehts auf nach Cusco. Flüge nach Loreto, Baja de California Sur, werden gebucht und auch schon der Flug von Los Angeles nach Neuseeland.

Ich hoffe, ihr nehmt euch Zeit, unsere Einträge zu lesen und begleitet uns ein Stück. Wir vermissen euch alle und erfreuen uns an Nachrichten von Daheim. Fühlt euch gedrückt.

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3 Antworten zu „4 Tage Schiffsfahrt auf dem Amazonas oder als wir eine Woche in einer Kommune im Dschungel lebten“

  1. Gratuliere zur tollen Dschungel Erfahrung.
    Super Fotos Maxi mit Machete. Habe den Blog zum 2.Mal gelesen, und dann auch die Fotos besser verstanden. Muss ihn noch öfter lesen. Gratuliere auch Rafi zu den schriftstellerischen Fähigkeiten. Have a nice trip

  2. Hallo ihr Abenteurer! Habe volle Spannung euren Blog gelesen und mit den tollen Fotos ein Stück der Stimmung miterleben können. Vor allem die Dschungelgeräusche sind ja ganz was Besonderes. Faszinierend wie Rafi eure Stimmungen und Erfahrungen beschreibt. Euer Weg ist gut und fest!!!! Weiter so.

  3. Hallo ihr beiden, jaja cracy iquitos da waren wir auch. Ziemlich schräge Stadt und schräge Leute hier 🙂 hoffe ihr habt euch auch den Markt angesehen. Der hats auch ganz schön in sich. Nicht mit leichten Magen durchgehen. Da gibts ganz schön viel zum schauen 🙂
    Wir wünschen euch weiterhin eine wurderbare Reise mit tollen Erlebnissen und freuen uns schon auf den nächsten Eintrag. Jetzt können wir wieder ein bischen mitreisen.
    glg Roman & Andrea

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